Konfuzius-Institut Bremen


夏令营 Sommercamp 2014
Zwei Teilnehmerinnen in den Hutongs in Peking

Tag 8: Wieder in Peking

Die Verkäuferin und ich verstehen uns sofort. Natürlich weiß ich, dass sie sich nur des Geldes wegen an mich ranschmeißt, aber es fühlt sich trotzdem gut an, so "verstanden" zu werden. Ihr Englisch ist perfekt und sie hat es angeblich nur durch den Silkmarket gelernt. Unglaublich.

Ich mache den Fehler meines Lebens und freue mich ausgiebig und lautstark über meinen Fund. Ich eben. Nun weiß meine neue beste Freundin genau, wie sehr ich diese Schuhe haben will und das wird mir leider zu spät bewusst. Ich komme eben aus Deutschland, wo nie verhandelt wird und man sich auch mit der Verkäuferin anfreunden kann, ohne sich hinterher wegen dem neuen Paar Schuhe von ein paar Immobilien trennen zu müssen. Die Stimmung kippt schlagartig, als ich mit dem utopischen Preis von fast 900¥ nicht einverstanden bin. Die freundliche Maske fällt der Verkäuferin förmlich aus dem Gesicht und ein paar wild funkelnde Drachenaugen starren mir tief in die Augen, als die zur Furie mutierte Frau mir ein paar sogenannte "Plastikschuhe" hinwirft und meint, ich solle doch die nehmen.

Ich bin schockiert und verlasse fluchtartig den Laden. Wie kann man so gespielt freundlich sein? Zugegeben, die Frau war gut. Aber das bin ich auch.

Von diesem Moment an bin ich das Pokerface in Person. Die plötzliche Erkenntnis, dass ich all die vielen Handtaschen, Rucksäcke und Schuhe ja in Wirklichkeit gar nicht unbedingt brauche, hilft mir, cool zu bleiben. Aber ich bin nicht nur cool, ich bin eiskalt. Von jetzt an bekomme ich alles, was ich haben will, für 10 – 20% des Originalpreises. (Hier muss man natürlich wissen, dass der "Originalpreis" nie ein realistischer Preis ist.)
Dennoch, statt einen Preis zu sagen und sich dann mit der Verkäuferin gemeinsam auf die Mitte dazwischen zu einigen, sage ich einen Preis und bestehe so lange darauf, bis ich diesen Preis, genau diesen Preis und keinen Yuan mehr, bekomme. Die Verkäuferinnen sind sichtlich unglücklich mit mir, aber nach jedem gewonnenen Kampf bekomme ich Komplimente, weil ich so "tough" war. Ich bin unglaublich stolz, als selbst meine chinesische Freundin mir sagt, dass die Preise, die ich bekommen habe, sogar für chinesische Verhältnisse extrem niedrig sind. Ich platze fast vor Freude. Natürlich nur innerlich. Mein Pokerface lege ich den ganzen Tag nicht mehr ab.

Da ich so viel Erfolg habe, möchten nun auch meine Begleiter meine Hilfe. Wieder mal platze ich fast vor stolz, gerade weil auch die Chinesin meine Hilfe möchte. Sie sucht einen Rucksack einer gerade besonders angesagten Marke in China namens "MCM", einer Marke aus Deutschland, die aber noch kein Deutscher je gesehen hat. Dieser Auftrag wird für die nächsten drei Stunden mein gesamter Lebensinhalt. Ich will diesen einen Rucksack unbedingt für sie finden und das zum besten Preis, den ich finden kann.

Doch auch, nachdem gefühlt drei Jahreszeiten verstrichen sind, haben wir noch keinen Erfolg. Wir stellen fest, dass dieser Rucksack wirklich und nicht nur fake-teuer ist.

Doch dann passiert das Unmögliche: Im allerletzten Laden haben wir Glück. Die Verkäuferin ist wirklich nett und nicht nur fake-nett und zeigt uns auf ihrem Taschenrechner, dem wichtigsten Utensil eines chinesischen Verkäufers, den Tagespreis: 1.200¥! Meine Füße wollen schon wieder den Laden verlassen, als die Verkäuferin den Kurz-vor-Ladenschluss-Preis in die Tasten klöppelt: 260¥. Da kann ich nicht mehr verhandeln. "Deal", sage ich und strecke der Verkäuferin meine Hand entgegen. Unsere chinesische Freundin hatte das gleiche Glück im Laden nebenan. So kommt es, dass nun auch ich einen deutschen Rucksack in China kaufe, den zu Hause in Deutschland niemand kennt. Nach all diesen wortreichen Stunden sind wir recht schweigsam. Wir haben Hunger.

Meine chinesische Freundin will uns ein vegetarisches Restaurant zeigen, doch das ist mittlerweile geschlossen. Plan B: Das 24 Stunden geöffnete, wohl lauteste und betriebsamste Restaurant der Welt. Wir wollen ein Taxi nehmen, doch im chinesischen Straßenverkehr zu einem durchzukommen, ist heute fast unmöglich. Nachdem wir ein paar Mal fast überfahren werden, finden wir endlich eins. Meine erste Taxifahrt in Peking.

Wir haben wenig Zeit, bevor die U-Bahn schließt und das Essen kommt immer nur stückweise. Mein traditioneller Peking-Pudding in Würfeln kommt gar nicht und wir erfahren erst nach dem Essen, dass der schon längst alle war. Dennoch war das Essen, genau wie der gesamte Abend, wirklich schön und unsere chinesischen Freundinnen bestehen sogar darauf, meine Zimmerpartnerin und mich einzuladen.
Kurz: Ein wunderbarer Abend!





Konfuzius-Institut Bremen e.V. | Hillmannplatz 6 | 28195 Bremen
Tel. 0421 - 2427 6242 | Fax: 0421 - 2427 6243 | E-Mail: info@konfuzius-institut-bremen.de | www.konfuzius-institut-bremen.de